HERZ IST TRUMPF

Es war einmal… da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte … stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich 'hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.' Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, mit Lippen so rot wie Blut,  so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum das Schneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber stolz und übermütig, und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemand übertroffen werden sollte. Sie hatte einen magischen Spiegel und wenn sie vor ihn trat und sich darin besah, sprach sie:

'Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?'
Und der Spiegel antwortete: 'Frau Königin, ihr seid die Schönste im Land.'

Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte. 
Schneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schöner, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst. Bis diese ihren Spiegel fragte:

'Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?' so antwortete er: 'Frau Königin, ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als ihr.'

Da erschrak die Königin, und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so sehr hasste sie das Mädchen. Und Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach 'bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.’…

Wie die Geschichte weitergeht, inklusive überlebendem Schneewittchen, sieben Zwergen, Prinz, Tanz im Schloss und einem Happy End – zumindest für Schneewittchen, während die böse Königin verbrennt – kann man in der Märchensammlung nachlesen, die die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm von 1812 bis 1858 herausgaben.

Was können wir Prinzessinnen und Königinnen im Jahr 2020 daraus lernen?

Wie die meisten Volksmärchen enthält auch Schneewittchen einen immer noch vorhandenen Konkurrenzgedanken zwischen Frauen, die scheinbar nichts Wichtigeres im Leben zu tun haben, als um die  Gunst von Prinzen und Königen zu buhlen oder sich nach allen Regeln der Kunst öffentlich zu duellieren. Oder noch mieser: Sich hinter dem Rücken der empfundenen Rivalin zu verbünden, statt mit offenen Karten zu spielen. Und das ist meist lange anerzogen – solche Frauen sollen oder wollen Papas Lieblingstochter sein, im Kindergarten die Schönste, in der Clique die Beliebteste und im Job die fleißigste Lieblingsmitarbeiterin des Chefs. Ich finde, im Jahr 2020 sollte Frau ihre eignen Talente wertschätzen, sich anderen weiblichen Wesen gegenüber loyal verhalten und ihren Lebensweg selbst bestimmen können, Außerdem will ich hier ein Plädoyer für diejenigen unter uns aussprechen, die fröhliche Frauenbanden bilden und sich gegenseitig zu Prinzessinnen und Königinnen erheben, statt untereinander zu konkurrieren.

Denn auch wenn manche von uns noch gelehrt bekommen haben, dass die wichtigsten weiblichen Tugenden Bescheidenheit und Sanftmut heißen, man hübsch, lieb und demütig sein soll, sind wir das nicht alle und das ist gut so. Nach über 200 Jahren sollten wir akzeptieren, dass es ganz viele tolle Frauen unter uns gibt, die in all ihrer Unterschiedlichkeit schön sind – und wahre Schönheit zeigt sich in der Herzensbildung und durch diese zeichnen sich alle Divas aus. Wir unterstützen uns in allen Belangen und wertschätzen uns. Wann habt ihr zuletzt einer Freundin oder Kollegin gesagt, wie talentiert sie ist oder wie gern ihr sie an Euerer Seite habt? Kostet nichts und bewirkt Wunder!

Von heutigen Prinzessinnen und Königinnen

Liebe Prinzessinnen und Königinnen des Jahres 2020, wir kommen in unserem weiblichen Rollenverständnis keinen Schritt weiter, wenn wir uns gegenseitig als Konkurrentinnen statt als Schwestern betrachten. Und gegenseitig runtermachen, statt gegenseitig in den Sattel oder auf die Karriereleiter zu helfen. Oder zusammen Herzens-Projekte stemmen. Heute sind auch reale Prinzessinnen und Königinnen längst in der Echtzeit angekommen und müssen nicht mehr  lächelnd in die Menge winken, sondern dürfen sich auch sozial engagieren, mit anderen Royals zum Cocktail treffen oder Schmetterlingen hinterher jagen.  Ebenso frei sind sie in ihrer Entscheidung, ob sie mit einem Prinzen, einem König oder Rockmusiker zusammenleben wollen – oder anderen Prinzessinnen oder Königinnen ihr Herz schenken. Und einige von ihnen und uns reiten zuweilen oder für immer alleine auf einem weißen Pferd in den Sonnenuntergang.

Für mich, die ich dieses Frauennetzwerk gegründet habe, liegt das Geheimnis jeder guten menschlichen Beziehung darin, sich gegenseitig so respektvoll wie Königinnen und Prinzessinnen zu behandeln. Denn nur, wer von uns sich wie eine moderne Prinzessin oder Königin verhält, ist es auch wert, wie eine solche behandelt zu werden. Und zwischendrin könnt ihr Euch selbst im magischen Spiegel zulächeln. Das steht uns allem am besten und übermittelt an das Gehirn, dass man fröhlich und mit sich im Reinen ist. Falls das mal nicht so klappt, gilt auch hier üben, üben, üben und vor allem: Herz ist Trumpf.

 


Fanny Zschau hat im Berliner Verlag und bei Gruner + Jahr gelernt und die Abteilung Corporate Publishing für die Handelsblatt Media Group – heute planet c – mit aufgebaut. Sie leitet das weibliche Redaktionsbüro Digital Diva Deluxe I Media Services und ist im Vorstand des gemeinnützigen Vereins Digital Diva Deluxe I The Network e. V., der sich der Gleichstellung der Frau in Beruf, Gesellschaft und Politik widmet.
Foto: Anna Fiolka Photography