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Umzug und Homeoffice, eine Patchwork Familie in Zeiten der Krise

Wir ziehen um, am Freitag den 13. und wenn das schon nicht ein mulmiges Gefühl bei Manchen auslöst, auch noch mitten im Beginn der Krise. Bereits letzte Woche habe ich den Vorratsschrank gut gefüllt, mit einer leisen Ahnung, dass uns bald ähnliche Zustände wie im Rest der Welt erreichen. Kein Hamsterkauf oh nein, aber vier Leute wollen essen, verbrauchen reichlich Zahnpasta und nun ja – müssen auch auf's Klo. Die Regale waren voll und die Leute entspannt, die Ruhe vor dem Sturm. Wieso tragen nicht schon längst alle Schutzmasken? In Taiwan hat man damit die Krise eingedämmt. Dem Sternzeichen Fische sagt man dezente hellseherische Fähigkeiten nach, ich sage dazu Ahnung, meine liebste Mama sagt‚ ich habe einen Animus.‘ Gibt es das Wort überhaupt?

Sagrotan und Nudelsalat

Meine Mutter ist sehr penibel was Sauberkeit angeht und liebt ihr Sagrotan. Vielleicht kommen daher so manche Allergien? Ich sage oft zu ihr: ‚Mama, die Welt ist doch nicht ansteckend.‘ Tja, nun jetzt ist sie es und wie immer hat meine Mama am Ende Recht behalten. Ich bin mittlerweile selbst Mama, eine Stiefmama von zwei entzückenden Fast-Teenagern denen ich auch beigebracht habe, eine eigene Meinung zu haben. Nun rächt sich das.

Aber zurück zum Umzug. Der Vorratsschrank der neuen Wohnung ist bereits gefüllt, die meisten Kartons ausgepackt und der neue Schulweg eingeübt. In diesem Fall zahlen sich Handys für Kinder doch aus. Einfach einen Screenshot eines Kartenausschnitts per WhatsApp geschickt und fertig. Technik kann ich.

Die Möbelpacker sind pünktlich und sehr fleißig. Ich schäme mich etwas für mein Klavier, das Buffet aus Echtholz und die Tatsache im fünften Stock ohne Aufzug zu wohnen. Die neue Wohnung hat einen Aufzug, ok es passen nur 3 Kisten oder 4 sehr schlanke Menschen gleichzeitig hinein, aber immerhin. Alles läuft wie geschmiert und mein allerbester Ehemann hat bereits die Bohrmaschine im Anschlag wie ein Cowboy im wilden Westen. Baby, wo möchtest du die Bilder aufgehängt haben? Meine liebe Mama hat einen Berg Kartoffelsalat mitgebracht, ich wusste nicht das es so große Tupper-Schüsseln gibt, und die Kinder haben den Weg zur neuen Wohnung auch gefunden.

Wash your F*cking Hands

Die Kleine umarmt freudig ihre Zusatz-Oma und plötzlich steigt leise Panik in mir auf. Sind Kinder nicht die Super-Überträger und hat sie sich überhaupt schon die Hände gewaschen? 'Mama geh weg von der Bazillenschleuder!' liegt mir auf der Zunge, aber sage ich natürlich nicht, ich bin schließlich die vernünftige Erwachsene. Aber ich schiebe das Kind mit ernsten Gesicht zum neuen Badezimmer. Händewaschen üben wir seit letzter Woche. Zwischen den Fingerchen, vorher muss Wasser an die Haut, schön verteilen und um Gottes Willen die Daumen nicht vergessen! Die Oberschule steht vor der Tür und wir üben Händewaschen, aber gut so mancher älterer Herr weiß scheinbar immer noch nicht wie es richtig geht.

Am Sonntag verabschiede ich mich von den sozialen Medien, denn mein rationales Ich kann auch nur begrenzt Hiobsbotschaften und aufgeregte Schilderungen der nahenden Apokalypse ertragen. Die Memes in den Familiengruppen reichen mir schon dicke. Der Altherrenwitz wird abgelöst von 'Toilettenpapier ist das neue Gold', Bilder von Menschen mit sehr großen Nasen untertitelt mit ‚Wenn die niest, sterben wir alle‘. Meine Stimmung färbt auch auf die Kinder ab. Hurra, sie hören mir zu, ist in diesem Fall kein Trost. Und wer, wenn nicht die Erwachsenen, sollten sich vorbildlich und vernünftig und vor allem hoffnungsvoll geben? Die Kleine hat auf ihrer To Do Liste Türklinken desinfizieren gesetzt, gleich unter Zimmer aufräumen. Ist das symptomatisch für die neue Welt nach der Krise? Werden wir uns daran gewöhnen, so wie Kinder sich rasend schnell an neue Situationen anpassen? Die Welt wird nach der Krise mit Sicherheit eine andere sein.

Alle Anderen sind Lava

Am Tag des Umzugs teilen die Lehrerinnen den Kindern lapidar mit, dass die Schulen bis zum Ende der Osterferien geschlossen werden. Lernmaterialien werden dann per E-Mail gesandt. Eine kurze nüchterne Info. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen: Fünf Wochen sind die Kinder nun am Stück zu Hause und sollen Unterricht machen. Wie das genau ablaufen soll, steht nicht auf dem Zettel. Ach und Freunde treffen, Klavierunterricht, Handball AG und Hiphop-Tanzkurs fallen erst mal aus. BÄÄMM! Also sind wohl Playstation und Online-Games ab sofort die neuen besten Freunde.

Ab dem nächsten Tag verändert sich unsere Alltag: Ich plane für Tage das Essen im Voraus, verlasse nur 2–3 Mal in der Woche das Haus und beim Spazieren gehen lautet unser neues Spiel ‚Alle Anderen sind Lava‘. Klingt lustig, aber ich habe Angst. Um unser Risikogruppen-Kind mit Diabetes, um meine Eltern und Schwiegereltern und um meine Schwester, die partyfreudige Erzieherin. Ich rechne die Inkubationszeiten seit dem letzten Treffen mit Freunden und Familie nach. Erst war mein Geburtstag, dann der meiner Schwester und dann gab es noch einen Kindergeburtstag der besten Freundin der Kleinen. Alles sehr liebe und leider sehr verkuschelte Mädchen. Die Mutter des Geburtstagskindes schickt mir arglos ein Foto der fünf Mädchen auf der Couch. Quer drüber liegt, und mit allen Händchen haltend, unsere Kleine. Don’t Panic - über 14 Tage her, keine Gefahr.

Home Schooling Horror

Einige Lehrerinnen haben bereits Neuland betreten und verschicken zaghaft Einladungen zum Skype-Unterricht und hilfreiche Links, sind aber unendlich erleichtert, wenn die Kids sich alleine mit Sofatutor, Hausaufgabenfuchs & Co. beschäftigen. In beiden Parallelklassen wurde ein großartiges Buch gelesen: Wahdi der Flüchtlingsjunge. Der Große hat es schon vor Monaten gelesen, die Kleine ist gerade fertig geworden und bearbeitet die Aufgaben zum Buch in ihrem neuen Zimmer. Die Deutschlehrerin bietet keinen Online-Unterricht an, aber sie schreibt uns eine lange Mail mit Wahlmöglichkeiten, wie man das Lesetagebuch abgeben kann. Eine davon ist für die Übergabe zur geschlossenen Schule zu kommen, der andere Weg ist der Versand per Post. Schneckenpost, nicht E-Mail.

Vor zwei Wochen haben wir die Wand der Herzenstochter gestrichen, nicht rosa, sondern in der Trendfarbe frozen. Das hat Spaß gemacht, dazu gab es neue Kissen und eine Kuscheldecke. Der Große hat sich von dem Erlös seines verkauften Legos einen Gamingstuhl gekauft. Beides ist jetzt besonders wichtig, Ablenkung und ein Gefühl von Geborgenheit. Ich kuschele mich an meinen allerbesten Ehemann und denke an die vielen Menschen, die allein zu Hause sind. Ich halte momentan viel mehr Kontakt zu Freunden und chatte sogar wieder täglich mit meiner Schwester, mit der ich sonst eher selten Kontakt habe. Kreativ sein ist auch ein wunderbarer Katalysator, frau fühlt sich lebendig ist abgelenkt und schafft etwas, nur zum Vergnügen, die Bilder hängen schließlich alle schon.

U Can't Touch This

Die gebrauchten Büroschreibtische werden geliefert. Wie in einem Spionage-Film werden Ablauf und Geldübergabe geplant. Die Tür ist offen, die Lieferanten tragen Handschuhe, das Geld liegt im Umschlag auf dem Tisch. Die Rechnung wird nur mit dem eigenem Kugelschreiber unterschrieben. Wir nicken uns wissend zu. Fast hätte ich mir extra dafür einen mysteriösen Lidstrich gezogen und den beigefarbenen Trenchcoat angezogen. Immer passend gekleidet für die Apokalypse, äh Pardon, die Krise. Zwei luxuriös große Homeoffice-Arbeitsplätze sind nun geschaffen, der Firma für Büroauflösungen sei Dank.

Am Samstag tanzen wir bis halb zwei Uhr Morgens mit 20 Freunden und Bekannten vor der Webcam. Disco-Outfits, Partylicht und Gin Tonic in unserem Wohnzimmer. Zoom macht es möglich, aber nur mit Pro-Account. Ich war schon auf schlechteren Parties! Jederzeit kühle Getränke, niemand raucht und kein Anstehen vor dem Klo. Der Boden ist nachher voller Glitzerpailetten und zu irgendeinem Zeitpunkt hole ich alle meine Hütchen heraus, Hütchenparty! Die anderen Partygäste präsentieren ihre Kuscheltiere und tanzen hemmungslos zu Timewarp und U Can't Touch This. Viele sind herausgeputzt oder haben mit Knicklichtern dekoriert. Und zum Schluss muss keiner sich auf den Heimweg machen. Was bleibt ist ein wunderbares Gefühl von Verbundenheit und Lebensfreude. Das macht mir Hoffnung, denn das Leben findet immer seinen Weg. Und in diesem Text kam nicht einmal das böse Wort mit C vor. Beruhigend oder?
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Michael Marx Illustration Pandemietiere
Welches Pandemietier bist du?  Illustration (c) Michael Marx


Diva Vereinsmitglied Nina Klingbeil-Liesegang, Eventmanagerin und Webdesignerin, lebt mit ihrem Ehemann und zwei Herzenskindern in Berlin-Steglitz. Sie ist mit Ihrem Mann Christian Liesegang für die Umsetzung der Diva-Website verantwortlich. Nina schreibt in der Rubrik #DivaLife und #DivaDigital über ihren Alltag in der Krise und gibt Tipps für die Umsetzung von digitalen Geschäftsmodellen.