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Die große Liebe für kaputte Dinge

Wie die Künstlerin Eva Lenz-Collier zum Kintsugi kam

Eva Lenz-Collier arbeitet seit jeher kreativ und liebt es zwischen verschiedenen Berufen und Techniken zu mäandern.  Als Grafik-Designerin, Malerin und bildende Künstlerin hegt sie schon lange eine Leidenschaft für Kunst aus Teilelementen und Bruchstücken. Eine besondere Faszination sieht sie in Wachstum und Unvollkommenheit. Als sie sich auf die Schönheit des Makels fokussierte, gelangte sie als Autodidaktin über Assemblagen hin zum Kintsugi, einer alten japanischen Restaurationstechnik, bei der zerbrochene Gebrauchsgegenstände zu Kunstwerken zusammengefügt werden.

Kintsugi

In einem vielstufigen und lang andauernden Prozess werden zerbrochene oder gesprungene Keramiken und Porzellan repariert. Dazu wird der japanische Lack Urushi 漆 in mehreren Schichten aufgetragen, wahlweise mit goldenen oder silbernen Pigmenten bestäubt und anschließend poliert. Für die Verbindung der Scherben wird der Urushi mit Leim vermischt, für fehlende Stellen werden Tonoko – japanische Tonerde – und Urushi verwendet. Der Prozess dauert Wochen, da die Trockenzeit des traditionellen Urushi mehrere Tage beträgt.

Eva Lenz-Collier bei der Kintsugi Technik Prozess der Kintsugi
Photos (c) Daniel Pasche 2019

Wir haben uns mit Eva Lenz-Collier online unterhalten, um mehr über ihre Arbeit zu erfahren und wie sie die Krise als freischaffende Künstlerin erlebt.

Hallo Eva,  dein Portfolio ist sehr vielfältig, du fertigst unter anderem Collagen, widmest dich der Ölmalerei und dem Handlettering. Wie bist du auf die spezielle Restaurationstechnik Kintsugi gekommen? Ich habe in meinen Collagen und Illustrationen schon immer das Thema Verfall verarbeitet. Gegenstände, die früher vielleicht einen emotionalen Wert hatten und am Ende weggeworfen werden, haben eine bestimmte Atmosphäre – das ist zum Beispiel die Puppe, die irgendwann zurückgelassen wird; oder der Tannenbaum, der nach Weihnachten am Straßenrand liegt. Diese Mischung von Sehnsucht und Schönheit des Verblühten, des Vergänglichen hat mich immer sehr angezogen.

Meine Handlettering-Arbeiten kommen aus der Kalligraphie, die ich schon sehr sehr lange verfolge. Ich glaube, ich habe mit vierzehn oder fünfzehn Jahren damit angefangen. Wenn man Kalligraphie liebt, kommt man automatisch irgendwann in den asiatischen Raum –  chinesische und japanische Kalligraphie – und die Schönheit der Pinselstriche darin. Ich habe nie selbst asiatische Kalligraphie praktiziert, aber ich bin eine große Liebhaberin davon.

Der Bruch gibt erst Charakter

Dann begleitet mich meine Faszination der japanischen Kultur schon sehr lange – ich glaube, das hat so mit 17 oder 18 Jahren angefangen. Und wenn man jetzt das in Kombination sieht, kommt man unweigerlich irgendwann zum Kintsugi, weil im Kintsugi sowohl die Schönheit des Zerbrochen und Vergänglichen liegt, als auch der Teil der japanischen Philosophie, die unserem westlichen Perfektionisten-Denken so fern liegt, und die mich sehr anzieht: nämlich dass der Makel, der Riss, die Bruchstelle ein Teil der Perfektion ist. Und im Kintsugi nicht nur Dinge wiederherzustellen, die unbrauchbar geworden sind oder die zerstört und kaputt sind, sondern noch eins draufzusetzen: das noch hervorzuheben, zu veredeln und damit dem ganzen eine neue Schönheit zu geben, das liebe ich. Das war eine Offenbarung, als mir diese Technik das erste Mal begegnet ist.

Ich glaube, wir haben das in den letzten Jahren in unserer Kultur entdeckt. Der Begriff Kintsugi taucht immer häufiger auf, es gibt Album-Cover mit dem Motiv; einen Roman, in dem es nicht um die Technik, sondern um Beziehungen geht; und ein Fachbuch von einem bekannten Psychologen, das eine Kintsugi-Schale auf dem Umschlag hat. Das, was Kintsugi ist – auch im philosophischen Sinne – trifft auch in unseren Breitengraden den Nerv der Zeit, die eigenen Bruchstellen zu akzeptieren und zu sagen: “Ja, das ist eine Teil von dem, was ich bin, und das muss ich nicht verstecken – im Gegenteil, ich kann daraus etwas Schöneres machen”. Das ist Kintsugi.

Vernetzt Euch

Du warst vor einem Jahr noch festangestellt und hast dann den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Was kannst du Künstlerinnen, die sich selbstständig machen möchten, als Tipp mit auf den Weg geben? Vernetzt Euch! Es ist wirklich wichtig, als Künstlerin nicht in seinem eigenen Elfenbeinturm zu versauern. Es gibt Netzwerke wie die Gründerinnenzentrale und die Weiberwirtschaft, es gibt Künstlerverbände und Stammtische  – für jeden etwas.  Geht in Teams rein, gerade wenn ihr in der Gründung seid, ist es gut, sich zum Beispiel einem Erfolgsteam anzuschließen – das wird auch von der Gründerinnenzentrale angeboten, und damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn ihr damit finanziell auch weiterkommen wollt, unterhaltet Euch mit erfolgreichen Frauen und hört Euch deren Erfahrungen an.

Was auch wichtig ist: Umgang mit dem Selbstzweifel. Ihr werdet immer wieder aktiv gegen eure eigenen Zweifel vorgehen müssen. Es gibt sicher viele Menschen, die Eure Sachen schön finden, aber  wenn dann die Verkäufe nicht stimmen, kann das sehr schnell in einem sehr destruktiven Tiefpunkt enden. Das ist ein Teufelskreis, denn diese Selbstzweifel blockieren irgendwann jede Motivation. Aktiv gegen sie vorgehen heißt für mich, sich offen darüber zu unterhalten – seien es Freunde, Bekannte oder andere Künstlerinnen oder Unternehmerinnen. Mir hat zum Beispiel meine Schwester oft weitergeholfen, die ist auch selbstständig, hat mehrere Firmen und ist sehr erfolgreich in dem, was sie macht. Sie war sehr gut darin, mit die Unsicherheiten zu nehmen. Denn jede Frau, die sich selbstständig macht, wird unweigerlich auf die gleichen Probleme stoßen – und dann ist es gut, eine erfahrene Stimme zu hören.

Kunst ist noch immer Luxus

Wie erlebst du die Krise als freischaffende Künstlerin? Was hat sich für dich verändert?
Für meine Arbeitsweise ändert sich in der Krise gar nichts, weil ich meine Werkstatt zuhause habe. Ich bin es also gewohnt, mir meine Arbeitszeit in der eigenen Wohnung einzuteilen, und habe den perfekt eingerichteten Arbeitsplatz. Aber der Wegfall von Projekten ist massiv zu spüren. Alles, was mit Ausstellungen und Museen zu tun hat, ist auf Eis gelegt. Zusätzlich ist natürlich die Angst da, dass die Kaufkraft der Kunden nächstes Jahr spürbar sinken wird.

Kunst ist ja noch immer Luxus, und es gibt viele Menschen, die sich in absehbarer Zeit erstmal keinen Luxus leisten können. Das ist finanziell natürlich ein großer Rückschlag. Die Zuschüsse für Solo-Selbstständige können nur für Betriebskosten verwendet werden, für die Lebenserhaltung muss dann Grundsicherung, also Hartz4, beantragt werden. Das ist für Künstler, die es eigentlich gewohnt sind, auf eigenen Beinen zu stehen, sehr destruktiv. Meine Kreativität wird von Ängsten eher blockiert als angetrieben, und die Zukunftsängste, die gerade entstehen, sind echte Hürden.

Was passiert als Nächstes, welche Projekte möchtest du umsetzen? Wenn die Türen wieder etwas offener sind, werde ich die Hedwig-Bollhagen-Werkstätten besuchen. Ich habe da inzwischen Kontakte und mir wurde angekündigt, dass es dort schöne Scherben gibt, die für eine Installation geeignet sind. Da ich in meinem Portfolio schon einige Bollhagen-Stücke aus den 70ern habe, bin ich sehr gespannt auf die Synergien, die sich da ergeben können. Dann verfolge ich noch einen Auftrag vom Bröhan-Museum für Jugendstil, der gerade auf Eis liegt. Da geht es um einen Jugendstil-Spiegelrahmen aus Porzellan, der nicht mehr herkömmlich restauriert werden kann, der allerdings mit der Kintsugi-Technik repariert werden könnte. Das ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, ich habe das Stück schon gesehen und weiß, dass es am Ende wunderschön aussehen wird, wenn es fertig ist. Ansonsten arbeite ich an meinen Stücken weiter, habe jetzt auch einen Online-Shop aufgesetzt, der weiter befüllt wird, und hoffe natürlich, irgendwann eine Ausstellung machen zu können.
Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für dein Schaffen und bleib gesund.

Eva stellt derzeit einen Katalog fertiger Arbeiten zusammen, aber sie nimmt auch Reparaturarbeiten für Liebhaberstücke aus Keramik und Porzellan an.

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Diva Vereinsmitglied Nina Klingbeil-Liesegang, Eventmanagerin und Webdesignerin, lebt mit ihrem Ehemann und zwei Herzenskindern in Berlin-Steglitz. Sie ist mit Ihrem Mann Christian Liesegang für die Umsetzung der Diva-Website verantwortlich. Nina stellt unter #DivaSupport selbstständige Frauen und ihre Arbeit vor und gibt unter #DivaDigital Tipps für die Umsetzung von digitalen Geschäftsmodellen.