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JUST ONE WING - Jennifer Hicks

Jennifer Hicks ist freischaffende Illustratorin, Comic-Artist und Grafikerin. Im Verein Initiative Creative Gaming e. V. gestaltet sie zusammen mit Kindern und Jugendlichen eigene Spiele und gibt Comic- und Zeichenworkshops. Auf Instagram und Twitch kann man unter dem Synonym JustOneWing ihre Illustrationen und Comics mit klarer feministischer Botschaft bewundern und dem Schaffensprozess sogar live zusehen. In unserem Interview verrät uns Jennifer wie sie seit 2017 ihre Selbstständigkeit meistert und trotzdem noch ausschlafen kann und welche spannenden Projekte sie momentan als Game Designerin umsetzt.

Hallo Jennifer, du bist ja ein Multitalent, du gibst Kindern Game Workshops, zeichnest live auf twitch, veröffentlichst ein Comic, aber was uns zu allererst interessiert, wie wird man eigentlich Game Designerin? Hallo Nina, vielen lieben Dank und tatsächlich kann man auf vielen Wegen Game Designerin werden. Ich habe meinen Weg dahin als Interface Designerin über die FH Potsdam begonnen. Diese war einer der ersten Hochschulen die Interface Design als eigenständiges Bachelor Fach angeboten haben. Und da jedes digitale Spiel und jedes Spielbrett eine Oberfläche hat die man irgendwie bedienen muss, hatte ich eine tolle Schnittstelle zum Game Design. Mittlerweile gibt es Game Design nicht nur im privaten Studium sondern auch an freien Hochschulen, wo man noch direkter zum Ziel kommen kann. Ich bin aber sehr froh nicht nur in einem Feld spezialisiert zu sein.

Lady Godiva on a horse illustration

Ausschlafen so oft es geht

Seit 2017 bist du selbstständig, wie hat sich dein Arbeitsalltag dadurch verändert? Wie war diese Erfahrung für dich? Mein Arbeitsalltag hat sich sehr verändert. Zum Guten wie ich finde. Ich kann mir die Zeit frei einteilen was für mich persönlich heißt: Ausschlafen so oft es geht. Auch wenn das seltener klappt als man meinen könnte. Und was die meisten Menschen sagen über die Selbstständigkeit - das alles ständig gemacht werden muss und das von einem selbst - das ist leider zu 100% richtig. Dennoch habe ich mich noch in keinem anderen Arbeitsverhältnis so wohl gefühlt und ich habe in einigen sehr tollen Firmen arbeiten dürfen.

Große Herausforderungen der Selbstständigkeit sind für mich gewesen, das nötige Wissen heran zu bekommen über die Buchhaltung, was für Preise man als Game Designerin und Illustratorin verlangen kann und sich die Arbeit vernünftig einzuteilen. Wichtig ist auch gute Kunden von schlechten Kunden zu unterscheiden. Es ist mir leider auch passiert, dass ich meine Arbeit unter Wert verkauft habe. Das glaube ich, passiert auch vielen anderen Frauen, eher als Männern.

Verkauf dich nicht unter Wert

Der ganze Prozess benötigt Zeit. Ich habe mich das erste halbe Jahr meiner Selbstständigkeit hauptsächlich um meinen Webauftritt und mein Portfolio gekümmert. Die Kundenakquise kam erst später. Ich habe nebenbei in einer Druckerei gearbeitet um die Zeit finanziell zu überbrücken.

Mein Tipp also: Steigt erst ein wenn ihr einen größeren Job sicher habt, der euch über 2-3 Monate trägt. Wenn ihr es neben der Arbeit schafft euch eine online Präsenz aufzubauen - großartig. Und nehmt nur Jobs an bei denen ihr ein gutes Gefühl habt, dass muss nicht immer im Zusammenhang mit dem Geld stehen. Am Anfang tendiert man dazu zu allem Ja zu sagen. Es gibt Aufträge, die habe ich für ein geringes Honorar gemacht und bin trotzdem sehr froh über die Zusammenarbeit. Dann wiederum gibt es andere Arbeiten, bei denen ich mit Nerven, Zeit und leider auch Geld drauf gezahlt habe. Man wird zu Beginn nie alles richtig machen, aber das Bauchgefühl muss stimmen.

Comic Unicorn Girl

Comic und Games waren schon immer für Mädchen interessant

Deine Workshops richten sich auch im Besonderen an Mädchen und auf Instagram läuft momentan eine Genderbending Comic Aktion, wie wichtig ist dir die feministische Message deiner Arbeit? Tatsächlich ist die Message sehr wichtig. Ich habe natürlich Kundenaufträge bei denen der Fokus ein anderer ist, aber bei meinen eigenen Arbeiten gehe ich da sehr bewusst ran. Vor allem junge Mädchen sollen die Möglichkeit und die Freiheit haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das ist für Jungs meist viel eher offensichtlich und selbstverständlich.

Ich war selbst ein Mädchen, das sich schon seid ich zurück denken kann, für Comics und Games interessiert hat. Und ich weiß nicht wie oft ich deswegen als seltsam und komisch oder als kein "echtes Mädchen" betitelt wurde. Interessen von Kindern von ihrem Geschlecht los zu koppeln ist ein Prozess, den wir als Gesellschaft vorantreiben müssen und der noch etwas mehr Zeit braucht. Aus diesem Grund weisen wie bereits im Titel der Workshops daraufhin.  "Spiele selber programmieren - auch für Mädchen". Wir haben festgestellt, dass die Eltern oft für das Kind entscheiden ob das Thema Ihnen Spaß machen könnte oder nicht. Wir wollen diese Schublade auflösen.

Das Genderbending - also berühmten Charakteren ein anderes Geschlecht zu geben, ist eine tolle Übung um Sichtweisen etwas aufzulockern und dabei auch noch Spaß zu haben, wie hier mit Kuszco als Frau von "Ein Königreich für ein Lama".

Cybertrolle auf dem Spielbrett besiegen

Du hast gerade ein Brettspiel fertig gestaltet mit das sich mit dem Thema Cybermobbing beschäftigt, bitte erzähle mehr davon, worum geht es? Oh das war ein wirkliches tolles Projekt, es heißt Invasion der Cybertrolle und ist in Zusammenarbeit mit den Demokratielaboren entstanden. Die Vorgabe war auf spielerische Art und Weise über Cybertrolle und deren Vorgehen aufzuklären. Die verschiedenen Arten wie man mit so etwas umgeht zu besprechen und zu analysieren und gleichzeitig dabei ein wenig Spaß zu haben.

Matthias Löwe, mein Kollege von Creative Gaming - dem gemeinnützigen Verein mit welchem wir Workshops in ganz Deutschland geben, nun auch digital , hat die dazugehörige App entwickelt. Wir haben ein multi-mediales Spiel geschaffen, mit echtem Brett und Figuren und einem Tablet - auf welchem die Kämpfe gegen die Cybertrolle gefochten werden. Dabei werden die Jugendlichen mit Mobbing-Aussagen konfrontiert und haben als "Waffen" die Wahl zu diskutieren, freundlich zu sein oder zu ignorieren. Sie müssen sich durch das Spielfeld kämpfen um alle Social Media Räume von den Cybertrollen zu befreien, bevor sie überrannt werden.

Danach wird mit den Kindern und Jugendlichen darüber geredet, ob es in der Realität so ist wie im Spiel und was sie schon für Erfahrungen gemacht haben. Im Idealfall nehmen sie dabei mit, das es verschiedene Wege gibt damit umzugehen und das sich Hilfe besorgen einer davon ist. Das Spiel ist absolut lizenzfrei und unter Demokratielabore zu finde. Man kann es selbst herunter laden und ausdrucken. Wir geben aber auch Workshops für Kinder und Pädagogen, damit sie es selbst in ihrer Arbeit nutzen können.

Augmented Reality als Übung für das echte Leben

Was hast du sonst für Projekte? Im Augenblick habe ich das große Glück an dem Projekt Canvas City zu arbeiten, bei dem ich das komplett Game Design übernehmen durfte. Es handelt sich dabei um ein Workshop Format das mit Hilfe einer sehr coolen Augmented Reality App durch geführt wird. Es ist ein tolles Abenteuer das Jugendliche und Erwachsene gemeinsam in der Stadt spielen. Dabei findet eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse in Bezug auf die Digitalisierung statt. Das Ganze ist dabei spannend und aufregend in eine eigene Geschichte verpackt, welche in der nahen Zukunft spielt. Das Spiel soll dazu anregen über Lösungen nachzudenken wie wir in Zukunft mit unseren Daten umgehen wollten, z. B. in der politischen Bildung. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich unter Canvas Citygame informieren.

Das klingt alles sehr interessant und zukunftsweisend. Vielen Dank für das Gespräch, ich wünsche dir weiterhin so viel Power und bleib gesund.

Ihre erster Kurzcomic “Mutprobe” wurde unter”JAZAM! Schreckgeschichten” veröffentlicht. Jennifer Hicks nimmt auch private Zeichenaufträge entgegen.
Instagram @justonewing

Illustrationen: Jennifer Hicks / JustOneWing


Diva Vereinsmitglied Nina Klingbeil-Liesegang, Eventmanagerin und Webdesignerin, lebt mit ihrem Ehemann und zwei Herzenskindern in Berlin-Steglitz. Sie ist zusammen mit Ihrem Mann Christian Liesegang für die Umsetzung der Diva-Website verantwortlich. Nina stellt unter #DivaSupport selbstständige Frauen und ihre Arbeit vor und gibt unter #DivaDigital Tipps für die Umsetzung von digitalen Geschäftsmodellen.